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Kiel

Klärwerk Bülk: Pilotprojekt bindet CO2 in der Ostsee

Am Klärwerk Bülk in der Gemeinde Strande läuft ab sofort ein Pilotprojekt: CO2 aus dem Biogas-Blockheizkraftwerk soll chemisch gebunden und über den Auslauf der Anlage in die Ostsee geleitet werden.

Christian Muschick ·

Ein Pilotprojekt zur Speicherung von Kohlendioxid (CO2) startet am Klärwerk Bülk in der Gemeinde Strande im Kreis Rendsburg-Eckernförde. Die Landeshauptstadt Kiel erprobt nach Angaben von GEOMAR und Stadt gemeinsam mit dem Hamburger Start-up Planeteers GmbH eine Anlage, die pro Jahr bis zu 625 Tonnen CO2 abscheiden und im Meerwasser speichern soll. Das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel begleitet das Vorhaben wissenschaftlich und unabhängig. Gefördert wird das begleitende Monitoring durch das Ministerium für Energiewende, Klimaschutz, Umwelt und Natur des Landes Schleswig-Holstein (MEKUN).

Verfahren: technische Verwitterung statt Emission

Im Klärwerk Bülk entsteht aus dem bei der Abwasserreinigung anfallenden Klärschlamm Biogas, das im klärwerkseigenen Blockheizkraftwerk zu Strom und Wärme verbrannt wird. Dabei entsteht CO2. Das Verfahren der Planeteers GmbH nimmt genau dieses CO2 auf: Es wird nicht in die Atmosphäre abgegeben, sondern chemisch in gelöstes Hydrogencarbonat überführt. Behandeltes Wasser wird anschließend über den bestehenden Auslauf des Klärwerks in die Ostsee eingeleitet. Dort soll der zusätzlich gelöste Kohlenstoff – je nach Durchmischung und chemischem Gleichgewicht – über Zeiträume von mehr als 1000 Jahren verbleiben.

Das Prinzip ahmt die natürliche Verwitterung von Carbonatgestein wie Kalkstein ab: In der Natur reagiert CO2 mit Wasser zu Kohlensäure, die Gestein löst und dabei das Kohlendioxid in Hydrogencarbonat überführt. Die Planeteers-Anlage beschleunigt diesen Prozess technisch von geologischen Zeiträumen auf wenige Minuten. Für die erste Betriebsphase wird gereinigtes Abwasser aus dem Ablauf der Kläranlage verwendet; das benötigte Kalkgestein soll aus möglichst nahe gelegenen Abbaustätten angeliefert werden.

Wissenschaftliches Monitoring durch das GEOMAR

Untersucht wird, welche Effekte die zusätzliche Alkalinitätserhöhung – also ein höherer pH-Wert im Einleitwasser – auf die marinen Ökosysteme haben könnte. Am bestehenden Einleitpunkt von Bülk liegt die Alkalinität laut GEOMAR aufgrund des harten Trinkwassers bereits mehr als doppelt so hoch wie der natürliche Hintergrundwert der Ostsee; durch das Verfahren soll sie sich um maximal neun Prozent erhöhen. Das GEOMAR erfasst im Monitoring unter anderem chemische Veränderungen im Wasser, die räumliche und zeitliche Ausbreitung der Einleitung und mögliche Effekte auf biologische Prozesse.

„Für uns ist es wissenschaftlich spannend zu untersuchen, wie sich die hohe Alkalinität auf die regionale Meeresumwelt auswirkt“, sagt Andreas Oschlies, Professor für marine biogeochemische Modellierung am GEOMAR. Die Ergebnisse könnten laut Zentrum wichtige Erkenntnisse für die Forschung zur Alkalinitätserhöhung liefern – einem Ansatz, der bei der Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre eine Rolle spielen könnte.

Kooperation für fünf Jahre

Die geplante Pilotanlage ist die Weiterentwicklung einer ersten Testanlage, die Anfang 2025 am Klärwerk Bülk mit einer hochgerechneten Jahreskapazität von rund 60 Tonnen CO2 erprobt wurde. Die Zusammenarbeit zwischen Stadt Kiel und Planeteers ist mit einem Kooperationsvertrag geregelt: Die Landeshauptstadt stellt die vorhandene Infrastruktur – insbesondere Fläche, CO2 und gereinigtes Abwasser – zur Verfügung, die übrigen Leistungen übernimmt das Unternehmen. Für den auf zunächst fünf Jahre angelegten Pilotbetrieb hat Planeteers die behördlichen Genehmigungen eingeholt. Über den Pilotbetrieb und die geplante Anlage wurde die Gemeinde Strande, auf deren Gebiet das Klärwerk liegt, informiert.

„Das Pilotprojekt kann ein weiteres Puzzleteil für ein klimaneutrales Klärwerk Bülk sein. Wir wollen die Möglichkeiten nutzen, die sich am Standort bieten, und zugleich technologieoffen die Entwicklung neuer Verfahren zum Schutze der Umwelt fördern“, sagt Kiels Umweltdezernentin Alke Voß. Das Klärwerk Bülk reinigt nach Angaben der Stadt seit 1925 die Abwässer der Landeshauptstadt Kiel und von 20 angeschlossenen Umlandgemeinden; sein Einzugsgebiet reicht von Wendtorf bis Raisdorf im Osten und von Molfsee bis Noer im Westen der Kieler Förde.

Quellen

GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, Pressemitteilung vom 28. September 2026: CO2 langfristig binden: Pilotprojekt im Klärwerk Bülk startet (Foto: Matthias Süßen, CC BY-SA 4.0, über GEOMAR)

Stadt Kiel, Infoseite zum Klärwerk Bülk (Hintergrund): Klärwerk Bülk | Klimaschutzstadt Kiel