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Gesellschaft · Kiel

Der lauteste Medien-Boykott der Kieler Woche

Es gibt eine Form des Schweigens, die lauter ist als jedes Konzert. Die Kieler Nachrichten haben sie gerade meisterhaft vorgeführt. Statt einer Rezension des Auftritts von Alexander Marcus liefern sie […]

Christian Muschick ·

Es gibt eine Form des Schweigens, die lauter ist als jedes Konzert. Die Kieler Nachrichten haben sie gerade meisterhaft vorgeführt. Statt einer Rezension des Auftritts von Alexander Marcus liefern sie einen ausgewachsenen Klagebrief darüber, dass sie keine Rezension liefern. Drei Autorinnen und Autoren haben sich dafür zusammengetan – Schamerowski, Betzholz, Köhler. Selten wurde so viel Redaktion aufgeboten, um so demonstrativ ein Nichts zu produzieren.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Eine normale Konzertkritik wäre irgendwo zwischen Liveblog und Bratwurst-Test versickert. Der gekränkte Verzichts-Artikel dagegen steht jetzt auf Platz eins der meistgelesenen Texte aus Kiel – noch vor dem U-Boot im Regattafeld. Der Boykott war damit der größte Klickerfolg des Abends. Wer das Konzert verschweigen wollte, hat ihm die beste Schlagzeile der ganzen Kieler Woche beschert. Man könnte fast meinen, es sei nie ums Prinzip gegangen.

Das Prinzip, um das es angeblich geht, ist übrigens nichts Geringeres als die Pressefreiheit. Die Pressefreiheit. Beschworen wegen drei Liedern aus dem Fotograben. Nicht etwa, weil die Berichterstattung unmöglich gewesen wäre – das Social-Media-Team der Stadt hat ja problemlos aus dem Publikum fotografiert. Sondern weil sie nicht so möglich war, wie die Redaktion es gewohnt ist: vorne, exklusiv, mit dem Komfort des reservierten Arbeitsbereichs. Die Botschaft lautet im Kern: Wenn wir nicht auf dem Logenplatz stehen dürfen, dann gucken wir gar nicht hin. Das ist keine Verteidigung der vierten Gewalt. Das ist eine beleidigte Leberwurst mit Presseausweis.

Natürlich darf man die Frage stellen, wie viel Einfluss ein Künstler auf eine steuerfinanzierte Veranstaltung nehmen sollte – das ist sogar eine gute Frage. Nur beantwortet man sie nicht, indem man die Leserinnen und Leser zu Geiseln des eigenen Schmollens macht. Wer Haltung zeigen will, schreibt die Kritik trotzdem, dokumentiert die Umstände sachlich und überlässt das Urteil dem Publikum. Wer stattdessen einen feierlichen „öffentlichen Appell an die Stadt“ verfasst, verwechselt Journalismus mit einer Trotzreaktion in Drittelnotenform.

Am Ende bleibt ein Lehrstück. Nicht über Pressefreiheit, sondern über das Verhältnis von Empörung und Reichweite. Die Kieler Nachrichten haben bewiesen: Man muss über ein Konzert gar nicht berichten, um ausführlich über es zu berichten. Man muss nur laut genug erklären, dass man schweigt.

Bild: Bild: Fabian Horst, File:2020-12-09 – Rathaus Kiel und Opernhaus bei Nacht.jpg, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia CommonsLizenz: CC BY-SA 4.0Quelle: …