Bildhinweis: Das Beitragsbild ist KI-generiert und dient als Symbolbild. Es zeigt keine dokumentarische Aufnahme des beschriebenen Ereignisses.
Der größte Sportverein im Kreis trägt jedes Jahr rund 440.000 Euro Personalkosten – und verliert zugleich Mitglieder. Eine nüchterne Bestandsaufnahme zwischen schwarzen Zahlen und strukturellem Druck.
Es ist ein Satz, den der Verein selbst formuliert hat, und er bringt das Problem auf den Punkt: Der TSV Kronshagen gebe immer mehr Geld für immer weniger Mitglieder aus. Das klingt nach Krise. Tatsächlich ist die Lage komplizierter – und gerade deshalb erklärungsbedürftig.
Der TSV Kronshagen von 1924 e. V. ist keine Randnotiz im Gemeindeleben. Mit nach eigenen Angaben rund 3.000 Mitgliedern, 22 Sparten und etwa 50 Sportarten ist er der größte Verein im Kreis Rendsburg-Eckernförde. Vier hauptamtliche Sportlehrkräfte und rund 120 Übungsleiterinnen und Übungsleiter organisieren etwa 2.100 Trainingsstunden pro Monat – vom psychomotorischen Kinderturnen über Schwimmkurse und Reha-Sport bis zu Wettkampfmannschaften in den höchsten Ligen Schleswig-Holsteins. Wenn ein solcher Verein ins Wanken gerät, betrifft das nicht nur die Sporthalle, sondern Integration, Gesundheitsversorgung und Jugendarbeit im Ort.
Vier Jahre Zahlen – und ein wiederkehrendes Muster
Wer die Kassenberichte der vergangenen Jahre nebeneinanderlegt, erkennt ein auffälliges Muster: Geplant wird vorsichtig mit roten Zahlen, abgerechnet wird am Ende meist schwarz.
- 2023: geplant ein Minus, tatsächlich ein Plus von 7.808 Euro.
- 2024: kalkuliert war ein Minus von 35.900 Euro, herausgekommen ist ein Plus von 26.312,49 Euro. Die Einnahmen lagen bei 787.447 Euro, die Rücklagen bei 193.508 Euro.
- 2025: wieder ein Plus, diesmal 27.313,02 Euro; die Rücklagen wuchsen auf 202.828,89 Euro.
- 2026: der Haushaltsplan rechnet mit einem moderaten Minus von 4.967,45 Euro. 37.000 Euro aus den Rücklagen sollen unter anderem in Instandhaltung, Vereinssoftware und Heizung fließen.
Die Botschaft daraus ist zunächst beruhigend: Der TSV ist nicht „pleite“. Er verfügt über sechsstellige Rücklagen und hat zuletzt mehrfach besser abgeschlossen als geplant. Diese Polster entstehen allerdings auch dadurch, dass Sparten in ihren Anträgen Kosten ansetzen, die sie am Jahresende nicht vollständig abrufen. Der Puffer ist also teils eingeplante Vorsicht – kein struktureller Überschuss.
Der eigentliche Kostentreiber heißt Personal
Entscheidend ist, wofür das Geld ausgegeben wird. Bei der Mitgliederversammlung 2025 machte der Verein seine Gehaltsstruktur transparent: rund 100.000 Euro für die Geschäftsstelle, 135.831 Euro für hauptamtliche Sportlehrkräfte und 204.833 Euro für Übungsleiter und Aushilfen. In Summe sind das gut 440.000 Euro – Personalkosten, die in einem Jahresbudget von rund 700.000 bis 800.000 Euro den mit Abstand größten Block bilden. 2024 entfielen allein 56 Prozent aller Ausgaben auf Übungsleiter und hauptamtliche Sportlehrkräfte.
Hier liegt der Kern des strukturellen Problems. Was früher überwiegend ehrenamtlich abgefedert wurde, ist heute zu großen Teilen bezahlte Arbeit. Das ist eine Folge gesellschaftlicher Entwicklung: Ehrenamtliche werden knapper, die Anforderungen an Qualifikation, Aufsichtspflicht und Verlässlichkeit steigen. Der Verein finanziert mit diesem Geld einen Betrieb, den viele Bürgerinnen und Bürger als selbstverständlich wahrnehmen – der aber längst nicht mehr zum Nulltarif zu haben ist.
Sinkende Mitgliederzahlen, fehlende Übungsleiter
Auf der Einnahmenseite zeigt sich die Gegenbewegung. Die Mitgliederzahl ist von 2.866 auf 2.776 gesunken – ein Rückgang von rund 90 Personen binnen eines Jahres. Da Beiträge eine zentrale Einnahmequelle sind, wirkt jeder verlorene Mitgliedsbeitrag unmittelbar auf den Haushalt. Der Finanzvorstand hat eine Beitragserhöhung bereits offen als künftig kaum vermeidbares Thema benannt.
Zugleich fehlt es an Personal an genau den Stellen, die für Familien am sichtbarsten sind: Der Verein sucht ausdrücklich Nachwuchs für Übungsleiterstellen in Gerätturnen, Leichtathletik und Schwimmen. Wenn dort niemand nachrückt, sind die Folgen konkret – Angebote werden ausgedünnt, Wartelisten wachsen, Kursplätze fallen weg. Das trifft besonders jene Sparten, die für Kinder und Wiedereinsteiger der Einstieg in den Vereinssport sind.
Der wunde Punkt: Jugendfußball
Über Monate hat den Vorstand die Entwicklung im Jugendfußball beschäftigt. Der Verein selbst spricht von einer unzufriedenen Elternschaft und einem irritierten Sportausschuss in der Gemeinde. Inzwischen wurden Gespräche mit betroffenen Familien und Übungsleitern geführt und eine neue Konzeption vorgestellt: der Kinderfußball soll stärker breitensportlich ausgerichtet werden, Leistungssport für ältere Jahrgänge bleibt möglich, der Umgang mit den Kindern soll kindgerechter und verantwortungsvoller werden.
Die Fußballabteilung gehört mit ihren Jugendmannschaften zu den größten im Kieler Raum – entsprechend groß ist die Zahl der Familien, die von Entscheidungen in diesem Bereich betroffen sind. Wie tragfähig die neue Konzeption ist und ob sie das Vertrauen der Eltern zurückgewinnt, wird sich erst in der laufenden Saison zeigen.
Eine Führung, die noch nicht lange im Amt ist
Der heutige Vorstand arbeitet vor dem Hintergrund eines Umbruchs. 2023 hatte der Verein turbulente Wochen erlebt: In zwei Mitgliederversammlungen fanden zentrale Themen keine Mehrheit, vier Vorstandsmitglieder traten zurück, der Rest kündigte die Amtsniederlegung an. Erst eine außerordentliche Versammlung im September 2023 stellte einen handlungsfähigen Vorstand wieder her. 2024 löste Heino Fischer den langjährigen Vorsitzenden Peter Rinio nach 13 Jahren an der Spitze ab. Zum Führungsteam gehören heute unter anderem der zweite Vorsitzende Thore Schläger und der Finanzvorstand Daniel Ehrhard.
Sichtbar sind seither Stabilisierungsversuche: klarere Ressortzuschnitte, eine Geschäftsordnung, mehr Abstimmung mit Gemeinde und Bauamt, neue Beitragsüberlegungen, Digitalisierung und Investitionen in Gebäude und Infrastruktur. Eine Schwachstelle bleibt das Ehrenamt selbst: Das Amt des Jugendwarts konnte zwischenzeitlich nicht dauerhaft nachbesetzt werden.
Die offene Frage: Was leistet die Gemeinde?
Ein Großverein wie der TSV funktioniert nicht allein aus eigener Kraft. Er nutzt kommunale Sportstätten, beantragt Zuschüsse und ist auf das Wohlwollen der Gemeindepolitik angewiesen. Erste Gespräche mit der Bürgermeisterin Nora von Massow, dem Ausschuss für Soziales, Kultur und Sport sowie dem Bauamt hat der Vorstand bereits geführt.
Was dabei bislang öffentlich nicht klar beziffert ist: Wie hoch ist die kommunale Unterstützung, insbesondere mit Blick auf die hauptamtlichen Sportlehrkräfte, deren Arbeit auch Schulen und dem Ort zugutekommt? Welche Zuschüsse fließen nach den Förderrichtlinien der Gemeinde, und welche Gegenleistung ist damit verbunden? Genau hier liegt die spannendste, noch unbeantwortete Frage – und der Punkt, an dem Verein und Gemeinde gemeinsam Transparenz schaffen könnten.
Fazit: Wichtige Weichenstellungen stehen an
Der TSV Kronshagen steht nicht vor dem Aus, aber vor unbequemen Entscheidungen. Steigende Personalkosten, sinkende Mitgliederzahlen, fehlende Übungsleiter und mögliche Beitragserhöhungen treffen auf knappe kommunale Kassen und ein schwindendes Ehrenamt. Das ist kein Kronshagener Sonderfall, sondern die Lage vieler Großvereine in Deutschland.
Drei Fragen werden den Verein in den kommenden Monaten begleiten: Welche Angebote sind gefährdet, wenn Übungsleiter fehlen? Wie weit müssen Beiträge steigen, um den Betrieb zu decken, ohne Familien zu verlieren? Und wie viel ist der Gemeinde ihr größter Verein wert? Wer den TSV verstehen will, sollte ihm zuhören – und genau hinsehen, wer am Ende die Rechnung bezahlt.
Quellen und Daten: TSV Kronshagen – Berichte der Mitgliederversammlungen 2024, 2025 und 2026, Sportspiegel Jan/Feb 2026, Vereinsseiten „Über uns“ und „Vorstand“; Gemeinde Kronshagen – Sportstätten, Satzungen und Förderrichtlinien; fußball.de. Abgerufen am 24.06.2026.






