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TKMS stellt in Kiel über 1.000 neue Mitarbeiter ein

Rekordaufträge von 20,6 Milliarden Euro treiben den Personalaufbau an der Kieler Werft. Gleichzeitig investiert TKMS in KI und digitale Produktion.

Christian Muschick ·

Bild: Impressionen des winterlichen Kiels, aufgenommen am 18. Januar 2018 vom Turm des Rathauses. Foto: Lh Kiel / Bodo Quante

Rekordaufträge treiben Personalaufbau an der Kieler Werft

Der Marineschiffbauer TKMS baut am Standort Kiel mehr als 1.000 neue Arbeitsplätze auf. Personalvorständin Angelika Kambeck bestätigte die Einstellungen angesichts eines Rekordauftragsbestands von 20,6 Milliarden Euro. Allein in diesem Jahr seien 750 Stellen offen, sagte Kambeck. Der Konzern suche dabei nicht nur Ingenieure, sondern auch Quereinsteiger für die Fertigung. Die Bewerber kämen aus der ganzen Republik.

Am Kieler Werftstandort sind aktuell rund 3.700 Menschen beschäftigt. Dort werden U-Boote der Klasse 212CD gebaut, die Deutschland gemeinsam mit Norwegen entwickelt hat. Der Bau der nächsten Boote soll im September beginnen, eine neue Druckkörpertaktstraße wird bereits erprobt.

Der Auftragsbestand von 20,6 Milliarden Euro entspricht rechnerisch mehr als neun Jahren Produktion. Er wuchs unter anderem durch einen norwegischen Nachbestellungsauftrag über zwei weitere 212CD-U-Boote und den größten Torpedoauftrag der Konzerngeschichte. Hinzu kommt der kanadische Großauftrag über bis zu zwölf U-Boote desselben Typs, den Kanadas Premierminister Mark Carney im Juli 2026 bekanntgab. Das Auftragsvolumen inklusive Beschaffung, Wartung und Betrieb wird auf bis zu 100 Milliarden kanadische Dollar geschätzt — umgerechnet rund 62 Milliarden Euro. Kanada wird damit drittes NATO-Land neben Deutschland und Norwegen im 212CD-Programm.

TKMS-Chef Oliver Burkhard betonte, der aktuelle Auftragsbestand lasse sich mit den eigenen Werftstandorten abdecken. Gleichzeitig prüfe das Unternehmen aber bereits internationale Partnerschaften. Der Ausbau des Standorts Wismar, wo perspektivisch bis zu 1.500 neue Arbeitsplätze entstehen sollen, läuft parallel.

Parallel zum Personalaufbau: Investitionen in Künstliche Intelligenz

TKMS investiert gleichzeitig in Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Im Juni 2026 unterzeichnete das Unternehmen einen Vertrag mit dem kanadischen KI-Unternehmen Cohere über den Aufbau einer konzernweiten KI-Daten- und Integrationsplattform. Die Cohere-Plattform „North“ soll den Zugang zu Unternehmenswissen verbessern, digitale Arbeitsabläufe stärken und Zeit sparen — im achtstelligen Bereich. TKMS bezeichnet den Einsatz als Unterstützung für komplexe Ingenieurs- und Verteidigungsumgebungen.

Bereits seit Anfang 2024 läuft zudem das Forschungsprojekt „OfferAI“ der Fachhochschule Kiel und TKMS, gefördert vom Land Schleswig-Holstein mit rund 340.000 Euro. Ziel ist eine teilautomatische Erstellung von Arbeitsplänen, die in der Produktion jeder U-Boots Einheit zehntausende Male vorkommt. Für den Prototyp eines U-Boots müssen bis zu 80.000 Arbeitspläne erstellt werden, die viel Personal binden. TKMS-COO Dr. Dirk Steinbrink nannte den KI-gestützten Arbeitsplanassistenten eine „sinnvolle Ergänzung der ohnehin knappen Personalressourcen im spezialisierten Marineschiffbau.“

Das Unternehmen treibt die digitale Transformation in der Produktion weiter voran: Jede Schweißmaschine ist vernetzt und liefert Echtzeitdaten zur Qualitätskontrolle und zum Energieverbrauch. Ein additives Fertigungszentrum in Kiel stellt metallische und Kunststoffbauteile im 3D-Druck her. TKMS gibt als Beispiel an, dass ein 14 Kilogramm schweres Bauteil dadurch auf 2,1 Kilogramm reduziert werden konnte — ohne Leistungseinbußen.

Mehr Personal oder mehr Digitalisierung — oder beides?

Die gleichzeitige Nachricht von über 1.000 neuen Stellen und erheblichen KI-Investitionen wirft die Frage auf, ob der Kapazitätsausbau angesichts der Digitalisierung notwendig ist oder ob Automatisierung den Personalausbau zumindest teilweise kompensieren könnte.

Ein Blick auf die US-Marke zeigt das Potenzial: Die US Navy investiert fast 900 Millionen Dollar in hochautomatisierte Fabriken für U-Boot-Teile. Eine von dem Unternehmen Hadrian betriebene Anlage in Alabama nutzt KI-gesteuerte Automatisierung, um die Produktivität zu steigern und Einarbeitungszeiten auf 30 Tage zu drücken. Ein neues, auf Palantir-Software basierendes Schiffbau-Betriebssystem reduzierte die Planungszeit für U-Boot-Termine bei General Dynamics Electric Boat von 160 Stunden auf unter zehn Minuten.

Bei TKMS liegt der Schwerpunkt der KI-Anwendungen bislang jedoch vor allem auf Planungs-, Wissensmanagement- und Administrationsprozessen — nicht auf dem Ersatz manueller Fertigungstätigkeiten. Die 1.000 neuen Arbeitsplätze sind überwiegend Produktionsstellen: Schweißer, Montagekräfte, Anlagenbediener für die Druckkörperfertigung. Der U-Boot-Bau ist Prototypenfertigung in kleinen Stückzahlen mit hoher Variantenvielfalt — kein Massenmarkt, der sich unmittelbar automatisieren lässt.

TKMS selbst positioniert KI ausdrücklich als Ergänzung, nicht als Ersatz. Die konzerneigene Plattform-Strategie zielt auf schnellere Angebotserstellung, bessere Datenqualität und Entlastung bei der Arbeitsplanung. Der Freiraum, den die KI schafft, soll es den Beschäftigten ermöglichen, sich auf die fachlichen Kernaufgaben zu konzentrieren. „In Bezug auf den Fachkräftemangel ist das eine sinnvolle Ergänzung der ohnehin knappen Personalressourcen“, sagte COO Steinbrink zur OfferAI-Kooperation.

Die Rechnung von TKMS geht vielmehr dahin, beides gleichzeitig zu tun: Die KI-Investitionen helfen, das vorhandene Personal effizienter einzusetzen und Planungsengpässe abzubauen. Der Personalausbau ist nötig, weil der physische Bau der U-Boote — Schweißen, Montieren, Prüfen — weiterhin Handarbeit erfordert, und davon mehr als je zuvor. Der Rekordbestand von 20,6 Milliarden Euro bedeutet, dass die Werften für Jahre ausgelastet sind. Eine Reduzierung der Kapazitäten würde das Gegenteil dessen sein, was die Auftragslage verlangt.

Die Digitalisierung könnte allerdings mittelfristig die Frage verändern, welche Art von Arbeitsplätzen geschaffen werden. Wer Arbeitspläne künftig teils automatisch erstellt, braucht mehr Planer für die verbleibenden komplexen Fälle und mehr IT-Spezialisten für die Systembetreuung — aber weniger für die reine Plancerstellung. Auch wenn die Zahl der Arbeitsplätze insgesamt steigt, verschiebt sich das Profil.

Für Kronshagener Pendler ist die Entwicklung in mehrfacher Hinsicht relevant: TKMS ist einer der größten Arbeitgeber in der Region Kiel, und die neuen Stellen könnten für qualifizierte Arbeitsuchende aus dem Umland attraktiv sein. Gleichzeitig konkurriert das Unternehmen mit dem örtlichen Handwerk und Mittelstand um Fachkräfte — ein Spannungsfeld, das der Personalaufbau verschärft.

Quellen: