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Schleswig-Holstein · Schleswig-Holstein

Stenke und PISA: Eine Ministerin hat fertig

Eine Gegenrede zum PISA-Interview mit Bildungsministerin Dorit Stenke: Die Zahlen widerlegen die Elternrhetorik – und die Verantwortung liegt in Kiel.

Christian Muschick ·

Bild: Dr. Dorit Stenke, Bildungsministerin Schleswig-Holstein. Foto: © Frank Peter / Staatskanzlei Schleswig-Holstein. Honorarfreie Verwendung ausschließlich für redaktionelle Berichterstattung über die …

Am Tag der schlechtesten PISA-Ergebnisse, die dieses Land jemals erzielt hat, erklärt die Bildungsministerin von Schleswig-Holstein in einem Interview mit den Kieler Nachrichten, wo das Problem liegt: bei den Eltern. Bildung stehe in manchen Familien nicht an erster Stelle. Die Erwartungen seien gesunken. Es werde zu wenig vorgelesen, zu wenig gesprochen, zu viel Tablet gereicht. Man müsse wieder ins Gespräch kommen.

Mehr Geld? Braucht es nicht.

Also: Der Staat beansprucht die Schulpflicht, schreibt die Lehrpläne, prüft die Prüfungen, bildet die Lehrkräfte aus, verteilt die Stellen, baut den Ganztag aus, verwaltet den Digitalpakt – und wenn das Ergebnis auf dem Tisch liegt, ist es der Frühstückstisch, der versagt hat.

Das ist keine Analyse. Das ist Kundenschelte. Und wer sie im Amt betreibt, hat den Amtsbegriff nicht verstanden.

Wer, wenn nicht Sie?

Die Ministerin nennt selbst die zentrale Schwäche des deutschen Systems: Lehrersein sei hierzulande noch immer ein Einzelkämpferdasein. Das mache sie betroffen, denn diese Schwäche kenne man schon lange.

Halten wir fest, was in diesem Satz steckt. Eine Ministerin bezeichnet einen Befund, der seit zwei Jahrzehnten dokumentiert ist, als bekannte Schwäche – und behandelt ihn wie das Wetter. Als sei die Isolation der Lehrkräfte eine Mentalität, die die Betroffenen sich selbst ausgedacht haben und irgendwann hoffentlich wieder ablegen.

Sie ist keine Mentalität. Sie ist ein Konstruktionsmerkmal, und jede einzelne Schraube daran sitzt im Landesrecht:

  • Die Lehrkräfteausbildung ist Landessache. Wo im Studium wird kooperative Unterrichtsplanung geprüft?
  • Das Referendariat ist Landessache. Wer wird dort beurteilt – das Team oder die Einzelstunde?
  • Das Dienst- und Beurteilungsrecht ist Landessache. Welche Beförderung hängt an gemeinsamer Unterrichtsentwicklung?
  • Die Pflichtstundenverordnung ist Landessache. Kooperation existiert nur, wenn sie im Stundenkonto steht. Steht sie dort?
  • Schulleitungsauswahl und -entlastung sind Landessache. Wer Kooperation organisieren soll, braucht Zeit und Weisungsrechte dafür.
  • Die Fortbildungspflicht ist Landessache. Verbindlich oder Angebot?
  • Die Schulaufsicht ist Landessache. Sie schaut hin, oder sie schaut nicht hin.

Nichts davon liegt bei den Eltern. Nichts davon liegt bei der OECD. Nichts davon liegt bei einem Virus. Es liegt in Kiel, im Brunswiker Wall, in Ihrem Haus, seit fast zehn Jahren unter Führung Ihrer Partei.

Und die Ministerin weiß, dass es geht: An den Startchancen-Schulen werde bereits gemeinsam geplant, sagt sie, das sollten eigentlich alle Schulen tun. Eigentlich. Wer als Ressortchefin weiß, was funktioniert, es an Modellschulen sehen kann und dann formuliert, alle anderen sollten das eigentlich auch tun – dem fehlt keine Erkenntnis. Dem fehlt die Entscheidung. Das ist nicht Ratlosigkeit, das ist Nichtvollzug.

Der Satz zum Abschluss dieses Gedankens sitzt dann noch tiefer: Man müsse kooperative Strukturen schaffen, und diese Zeit müsse dann auch genutzt werden. Damit ist die Verantwortungskette vollständig. Schuld sind die Eltern, die Pandemie, ein OECD-weiter Trend, und wenn die Ministerin doch etwas zur Verfügung stellt, sind es die Lehrkräfte, die es womöglich nicht nutzen. Es ist buchstäblich niemand mehr übrig außer der Person, die das Ressort führt.

Die Zahlen entlasten die Politik nicht – sie belasten sie

486 Punkte in Naturwissenschaften, 465 im Lesen, 464 in Mathematik. Tiefstwerte in allen drei Bereichen, seit es PISA gibt. Ein Fünftel der 15-Jährigen hat in keinem der drei Felder ausreichende Basiskompetenzen. Der Anteil dieser Jugendlichen hat sich im Lesen und in Mathematik seit 2015 verdoppelt.

Seit 2015. Nicht seit 2020. Der Absturz beginnt fünf Jahre vor der Pandemie, mitten in einer Phase kräftig wachsender Bildungshaushalte.

Wer den Befund einer „veränderten Schülerschaft“ als Erklärung anführt, muss den Satz des deutschen Studienleiters daneben legen: Die Kompetenzverluste beschränken sich nicht auf einzelne Gruppen von Schülerinnen und Schülern, sie sind über das gesamte Leistungsspektrum zu beobachten. Deutlicher kann eine Studie ihrer Auftraggeberin nicht widersprechen. Es sind nicht „die anderen Kinder“. Es werden alle schlechter – auch die Gymnasiasten, auch die Kinder jener Eltern, die nach dieser Logik ja vorlesen und Marienkäfer erklären.

Am schnellsten schrumpft die Spitze. Leistungsstärkste in Mathematik: von 13 auf 8 Prozent. Im Lesen: von 12 auf 7. In allen drei Bereichen auf höchstem Niveau: drei Prozent eines Jahrgangs. Ein System, das seine Besten verliert, hat kein Elternproblem. Es hat ein Förderproblem.

Und der Befund, der sich seit 25 Jahren nicht bewegt: Nirgends in vergleichbaren Staaten entscheidet die Herkunft so stark über den Bildungserfolg. Dreimal so stark wie in Kanada. Zwei Prozent der Kinder aus benachteiligten Familien erreichen hohe Kompetenzen – gegenüber rund 25 Prozent aus privilegierten. Der sozioökonomische Status wirkt stärker als Geschlecht und Zuwanderungshintergrund zusammen.

Genau das ist die Stelle, an der die Elternrhetorik zynisch wird. Wenn ein System Herkunftsnachteile durchreicht statt ausgleicht, dann ist der Hinweis „reden Sie mehr mit Ihrem Kind“ keine Handreichung. Er adressiert exakt jene Familien, denen das System nachweislich nichts gibt, und macht sie für das verantwortlich, was ihnen fehlt.

Nein, es liegt nicht am Messverfahren

Der bequemste Ausweg wäre die Methodenkritik: PISA hat 2025 auf mehrstufig adaptives Testen in allen Kernbereichen umgestellt und das Naturwissenschaftskonzept überarbeitet. Berechtigte Frage – und beantwortet.

Der IQB-Bildungstrend 2024 ist ein deutsches Verfahren mit deutschen Aufgaben, das gegen die von der Kultusministerkonferenz selbst beschlossenen Bildungsstandards prüft. Ergebnis: 34 Prozent der Neuntklässler verfehlen den Mindeststandard für den mittleren Schulabschluss in Mathematik, zehn Prozentpunkte mehr als 2018. Fast jeder Zehnte verfehlt selbst die Mindeststandards für den Hauptschulabschluss. Rückgänge in allen vier untersuchten Fächern, über alle Schulformen hinweg.

Zwei unabhängige Messungen, dasselbe Ergebnis. Das Thermometer ist nicht kaputt.

Corona war keine Naturkatastrophe. Es war eine Entscheidung

Der Pandemieeffekt ist real und gut belegt: rund 35 Prozent eines Schuljahres Lernrückstand, im weiteren Verlauf nicht mehr aufgeholt, am härtesten bei den Kindern mit der geringsten Unterstützung zu Hause. Die heute 15-Jährigen saßen im Frühjahr 2020 in der vierten und fünften Klasse, genau am Übergang, den die Ministerin selbst benennt.

Nur hat den Unterricht nicht der Frühstückstisch ausgesetzt. Es waren Regierungen, die entschieden, dass Baumärkte vor Grundschulen öffnen. Es war eine staatliche Entscheidung, Fernunterricht auf eine IT-Infrastruktur zu stellen, die nicht existierte, obwohl der Digitalpakt seit 2019 lief. Es war eine staatliche Entscheidung, die Aufholprogramme auslaufen zu lassen, bevor die Lücke geschlossen war. Der Studienleiter protokolliert es nüchtern: Es habe sich Genügsamkeit eingeschlichen, Förderprogramme seien ausgelaufen, gesicherte Erkenntnisse über guten Unterricht nie flächendeckend umgesetzt worden.

Wer sich auf Corona beruft, beruft sich auf die Spätfolgen der eigenen Maßnahmen. Das ist ein Grund zur Haftung, nicht zur Entlastung.

Der Blick nach Kiel, nicht nach Berlin

Bildung ist Landespolitik. Die Bilanz vor der Haustür:

Im Schuljahr 2023/24 fielen in Schleswig-Holstein 2,6 Prozent der Unterrichtsstunden ersatzlos aus, 9,3 Prozent fanden nicht wie geplant statt. Fast jede zwölfte Stunde. Häufigster Grund: Krankheit von Lehrkräften – jener Lehrkräfte also, deren Belastung aus derselben Einzelkämpferstruktur entsteht, die die Ministerin bedauert. Der Fonds für Vertretungslehrkräfte war 2025 vor den Sommerferien in 10 von 15 Kreisen erschöpft. Im Herbst 2025 strich das Land Hunderte Lehrkräftestellen, obwohl die Schülerzahlen steigen. Für Schulsanierungen fehlt das Geld. Und der verbindliche Sprachtest für alle jungen Kinder – die international am zuverlässigsten wirkende Einzelmaßnahme, seit zwanzig Jahren bekannt – soll ab 2028 kommen. Acht Jahre nach den Schulschließungen. Dreizehn Jahre nach 2015.

Dazu die Aussage, es brauche kein Geld, Deutschland habe kleine Klassen – vorgetragen von einer Regierung, die Stellen kürzt. Man kann beides vertreten, nur nicht gleichzeitig. Entweder Ressourcen sind irrelevant, dann rechne man die Streichungen als Sachentscheidung vor. Oder sie sind relevant, dann nenne man die Streichungen, was sie sind.

Und ja: Von 2015 bis 2024 stiegen die öffentlichen Bildungsausgaben in Deutschland von rund 126 auf rund 198 Milliarden Euro; die Ausgaben je Schüler haben sich seit 2005 fast verdoppelt, während die Ergebnisse fielen. Das ist der Beweis, dass Geld allein nichts löst. Es ist vor allem der Beweis, dass Steuerung, Organisation und Umsetzung nicht funktionieren. Steuerung, Organisation und Umsetzung sind die Stellenbeschreibung eines Ministeriums. Nicht die eines Elternhauses.

Warum die Erwartungen sinken – die unbequeme Antwort

Die Ministerin ist bewegt davon, dass nur noch elf Prozent der Eltern für ihr Kind einen Hochschulabschluss wünschen, und will das erst noch analysieren. Ein Vorschlag.

Bildungserwartung ist eine Investitionsentscheidung. Eltern investieren Jahre, Geld und Nerven in der Annahme, dass Anstrengung sich in besseren Lebensumständen niederschlägt. Dieselben Eltern erleben: eine Abgabenlast auf mittlere Einkommen, die international an der Spitze liegt. Wohnungsschlangen, in denen der Aufstieg nichts bringt. Wartezeiten auf Facharzttermine, Baugenehmigungen, Kitaplätze, Züge. Eine Verwaltung, die Papier verlangt, wo andere Staaten ein Portal haben.

Und sie erleben einen Staat, der immer mehr Entscheidungen an sich zieht: was das Kind isst, wann es betreut wird, welche Heizung ins Haus kommt, wie geredet wird. Wenn Eigenverantwortung systematisch zurückgeschnitten wird, verschwindet mit ihr die Erfahrung, dass eigene Anstrengung die eigene Lage verändert. Sinkende Bildungserwartung ist dann keine Verwahrlosung, sondern eine rationale Reaktion auf ein Leistungsversprechen, das der Staat selbst nicht mehr einlöst.

Man kann es bequemer formulieren: Die Eltern haben nachgelassen. Wahrer wird es dadurch nicht.

Bleibt das Argument, ein Rücktritt sei keine Lösung, sonst müssten fünfzehn weitere Minister nachdenken. Das ist keine Verteidigung. Das ist eine Beschreibung. Wenn in sechzehn Ländern niemand für ein Ergebnis haftet, das seit zehn Jahren fällt, dann ist genau das der Defekt: ein Politikfeld ohne Konsequenz. Und die einzige Person, die daran in Schleswig-Holstein etwas ändern kann, ist die Person, die dort das Ministerium führt.

Was wir stattdessen erwarten

Frau Ministerin, legen Sie endlich ein Konzept mit Zahlen, Terminen und Ihrem Namen darunter vor, dass die Probleme wirklich adressiert:

  • Kooperation ins Stundenkonto. Verbindliche, ausgewiesene Zeit für gemeinsame Unterrichtsplanung an jeder Schule, in der Pflichtstundenverordnung, nicht in einer Empfehlung. Wer die Einzelkämpfermentalität beklagt und sie nicht in Deputatsstunden übersetzt, beklagt sie nur.
  • Startchancen als Standard, nicht als Modell. Was dort funktioniert, wird auf alle Schulen ausgerollt – mit Datum.
  • Verbindliche Sprachdiagnostik sofort statt 2028. Jedes Kind, flächendeckend, mit anschließender Pflichtförderung.
  • Lernstandserhebung nach kanadischem Muster. Kurze, regelmäßige Tests, damit Rückstände in Wochen sichtbar werden statt in Jahrzehnten.
  • Ressourcen nach Bedarf, nicht nach Kopf. Ein echter Sozialindex. Schulen mit den härtesten Bedingungen brauchen die beste Ausstattung, nicht die gleiche.
  • Unterrichtsausfall als Kennzahl mit Zielwert, monatlich veröffentlicht, pro Schule – und ein Vertretungsbudget, das im Juni noch existiert.
  • Stellenkürzungen zurücknehmen, solange die Schülerzahlen steigen – oder öffentlich vorrechnen, warum das pädagogisch vertretbar ist.
  • Lernzeit für die Grundlagen. Bayern hat die Stunden für Deutsch und Mathematik in der Grundschule ausgeweitet. Schleswig-Holstein kann das auch.
  • Eine Antwort auf den Satz, der wirklich weh tut: Die Hälfte der Jugendlichen sagt, der Unterricht habe kaum etwas mit ihrem Leben zu tun. Das ist kein Elternbefund. Das ist die Kernkritik am Produkt Ihres Hauses.
  • Elterngespräche sind gut. Vorlesen ist besser als Tablet. Beides stimmt, und beides hat noch nie eine Kultusverwaltung von etwas entlastet.

Der Staat hat sich die Bildung dieses Landes zur Kernaufgabe erklärt und jede Alternative verdrängt. Dann trägt er das Ergebnis. Wer die Verantwortung nicht will, gibt die Freiheit und das Geld zurück. Wer beides behält muss liefern. Und wer nicht liefern kann tritt gefälligst zurück!

Alles andere ist Kundenschelte. Und Kunden, die man lange genug missachtet verabschieden sich irgendwann. Genau das messen wir gerade.

Quellen